POSTDISKOTOMIE-SYNDROM
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Der Begriff "Postdiskotomie-Syndrom" bezeichnet Schmerzen und Funktionseinbußen nach einer fehlgeschlagenen Diskotom ie.

Was ist eine Diskotom ie?

Der Wortteil "Disk" bezeichnet die Bandscheibe (Discus intervertebralis) und der Wortteil "tomie" bedeutet "Schneiden" oder "Schnitt", im eigentlichen Sinne also das Herausschneiden des vorgefallenen Bandscheibenanteils.

Wie kommt es zu einem Ban dscheibenvorfall?

Die Knorpelscheiben, bestehend aus Nucleus pulposus und Anulus fibrosus, unterliegen im Laufe der Zeit durch die ständigen Belastungen Veränderungen. Sie verlieren Flüssigkeit und damit Elastizität. Es finden knöcherne Umbauten statt, d.h. Teile des Knorpelgewebes werden kalzifiziert, also zu Knoc hen umgewandelt. Derartig verändert können die Ban dscheiben den Belastungen des Alltags natürlich wesentlich schlechter standhalten; es kommt, meistens als schleichender Vorgang, selten von einem Tag auf den anderen, zu Ban dscheibenvorfälle n. Hierbei drückt die Ban dscheibe in den direkt benachbarten Wir belkanal, in welchem die Nervenstränge des Rückenmarks verlaufen. Wenn bei diesem Vorfall Teile der intakten Ban dscheibe in den Wir belkanal eindringen, also mit ihrem äußerem Faserring, spricht man von einer Diskusp rot rusion. Von Bandscheibenvorfälle n spricht man, wenn der Anulus fibrosus durchbrochen ist und der gallertartige Kern in den Wir belkanal eindringt. Lösen sich einzelne Teile der Ban dscheibe und liegen isoliert im Wir belkanal, spricht man von einem Sequester bzw. von einem sequestrierten Vorfall. 

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Das Postdiskotomie-Syndrom wird auch als Postnu kleotom iesyndrom bezeichnet, unabhängig davon, ob es mit einer pseudoradikulären oder radikulären Symptomatik (= Krankheitszeichen die auf eine scheinbar oder tatsächlich geschädigte Nervenwurzel zurückzuführen sind) einhergeht. Nahezu gleiche Krankheitszeichen können auch beim Postlamine ktomie-Synd rom bestehen. Der Begriff „Laminek tomie“ weist lediglich darauf hin, daß bei dieser Operation zur Entfernung bzw. Teilentfernung der Bandscheibe ein oder mehrere Wirbelbögen entfernt wurden.
Zwischenzeitlich faßt man anhaltende Schmerzzustände nach (auch mehrfachen) Wirbelsäulenoperationen (Bandscheibe, aber auch operative Versteifungen) mit dem Begriff „Fa iled back surger y
Synd rom" (FBSS) (= Krankheitszeichen nach fehlgeschlagener Wirbelsäulenoperation) zusammen.

Ursachen für das Postdiskotomie-Syndrom: 

Schlechte bzw. falsche Operationsanzeige, Operation in falscher Wirbelsäulenhöhe, ungenügende Entlastung der Bandscheibe, En tzündungen an Wirbelkörper und angrenzender Bandscheibe (Spondylodiscitis), verletzungsbedingte Blutansammlung außerhalb der Gefäße (Hämatom), Verbindungsgang zum Hirnwasser (Liquorfistel), fehlerhafte Vereinigung von Knochenteilen (fehlerhafte Osteosynthese) u.a.m..

Drohende Spätkomplikationen

  • Instabilität der Wir belsäule, die u.U. eine Spondylodese (= operative Versteifung) erforderlich macht,

  • krankhafte Bindegewebsvermehrung nahe des Rückenmarks (epidurale Fibrose),

  • bindegewebsartige Verwachsungen der das Rückenmark auskleidenden „Spinnengewebshaut“ (adhäsive Arachnoiditis),

  • Wiederauftreten einer Bandscheibenausstülpung (Diskushernienrezidiv), u.a.m..

Wie kann einem Postdiskotomie-Syndrom vorgebeugt werden?

Nur durch eine korrekte Indikationsstellung (= Begründung, Anzeige, unter Abschätzung des möglichen Nutzens und Risikos) für den ersten operativen Eingriff nach genauer Klärung der Schmerzursache. Als Grund für eine Diskotom ie sind mittlerweile die Krankheitszeichen "Rückenschmerzen" oder „Kreuzschmerzen“ in den Hintergrund getreten. Als relative Indikation (= Anzeige) gelten allenfalls unerträgliche, therapieresistente (= nichts hilft) Rüc ken schmerzen. 
Leider sehen wir in unserer Schmerzklinik relativ häufig Patienten nach einer
Diskotom ie. Man fragt sich natürlich zu Recht, warum wurde eine spezielle Schmerztherapie nicht schon vorher versucht ??

Das Schmerzgeschehen bei einem Postdiskotomie-Syndrom wird von den Patienten unterschiedlich geschildert. Meist verbleiben die schon vor der Operation aufgetretenen Rüc kenschmerzen mit Ausstrahlung ins Bei n, bzw. treten nach einer gelinderten Phase wieder voll auf, teilweise sogar noch verstärkt mit zusätzlichen Schmerzausstrahlungen in die Leisten oder Beine, oft gemischt pseudoradikulär-radikulär (=auf eine scheinbar oder tatsächlich geschädigte Ner venwurzel zurückzuführen).  
Beim
Postdiskotomie-Syndrom kommen oft Schmerzen beim Vornüberneigen hinzu.

Spezielle Schmerztherapie beim Postdiskotomie-Syndrom:

Zur Behandlung eignen sich folgende Maßnahmen, wobei ein Dauerschmerz praktisch immer eine Kombination von verschiedenen Therapieverfahren erfordert:

Medikamentöse Schmerztherapie beim Postdiskotomie-Syndrom:

Akut und subakut können bei Schmerzen zunächst (vorwiegend) peripher wirkende Analgetika (= Schmerzmittel, die am Ort der Schmerzentstehung wirken) eingesetzt werden, insbesondere sog. nicht steroidale Antirheumatika (= Rheumamittel), aus dieser Gruppe möglichst langwirkende und magenschonende wie z.B. Mobec®. Besonders magenschonend und auch entzündungshemmend sind die sog. COX-2 Inhibitoren, z.B. Parecoxib (Dynastat®) oder Etoricoxib (Arcoxia®), allerdings scheint diese Stoffgruppe mit einem Herz-/Kreislauf-Risiko verbunden zu sein, zumindest bei längerer Therapiedauer. Es bleibt abzuwarten, ob Parecoxib und Etoricoxib nicht auch noch vom Markt genommen werden, wie schon andere Mittel dieser Stoffgruppe zuvor.
Bei stärkeren schmerzhaften Muskelverspannungen können darüber hinaus auch Muskelrelaxanzien
(= Mittel zur Muskelentspannung) (z.B. Norflex®, Mydocalm®) verordnet werden. 
Manchmal sind aber die Schmerzzustände nur mit zentralwirkenden Analgetika (z.B. Tramadol, Valoron N®)
(= im Gehirn bzw. Rückenmark wirkende Schmerzmittel) beherrschbar. 
Grundsätzlich sollte gerade beim Postdiskotomie-Syndrom eine längerfristige Schmerzmittelverordnung wegen der Gefahr der Gewöhnung oder gar Abhängigkeit vermieden werden. 
Die Kombination mit schmerzdistanzierenden Antidepressiva
(= Mittel gegen Depression, aber auch beim chronischen Postdiskotomie-Syndrom hilfreich) (z.B. Doxepin, Maprotilin) hilft in vielen Fällen Schmerzmittel einzusparen.

Therapeutische Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel) beim Postdiskotomie-Syndrom

Bei anhaltenden Schmerzen sollten rechtzeitig alternative Methoden eingesetzt werden. Eine sehr wirksame Alternative, ohne jedes Gewöhnungs- oder Suchtpotential, ist die therapeutische Lokalanästhesie mit einem langwirkenden örtlichen Betäubungsmittel (z.B. Bupivacain) in Form von örtlichen Betäubungen und Nervenblockaden.

Infiltrative Lokalanästhesie (= Infiltration mit einem örtlichen Betäubungsmittel)

Die einfachste diesbezügliche Schmerztherapie im Rüc kenbereich besteht in der örtlichen Infiltration der meist verspannten, an die Wir belsäule angrenzenden Mus kulatur. Je nach segmentaler Ausdehnung reichen ca. 5-10 ml Bupivacain 0,25% bis 0,5% völlig aus. Eine weitere Möglichkeit ist die gezielte Infiltration von Triggerpunkten (= kleine Reizzonen hpts. in der Muskulatur) nach vorheriger Identifizierung derselben.

Periphere temporäre (= oberflächliche, zeitlich begrenzte) Nervenblockade:

Zur Unterbrechung segmentaler Reflexkreise, aber auch zur Therapie von Schmerzausstrahlungen eignen sich bei Rüc kenschmerzen Blockaden (= Betäubungen) der korrespondierenden Nervenwurzeln (= im Schmerzbereich befindliche Nervenaustrittstellen neben der Wirbelsäule). 
Im Bereich der Beine können bei entsprechender radikulärer oder pseudoradikulärer Schmerzausstrahlung (= Schmerzen die auf eine tatsächlich oder scheinbar geschädigte Nervenwurzel zurückzuführen sind) der vordere Oberschenkelnerv (N. femoralis) und / oder der Ischiasnerv wiederholt blockiert werden, in hartnäckigen Fällen kontinuierlich mit Katheter (* siehe unten). 
Bei Schmerzausstrahlung in den Bereich des seitlichen und inneren Oberschenkels gelingt mit der sog. 3-in-1-Variante die zusätzliche Betäubung der Nerven obturatorius und cutaneus femoris lateralis
.

Die lumbale Periduralblockade (= rückenmarknahe Betäubung im Lendenbereich), insbesondere kontinuierlich mit Katheter*, ist eine sehr effektive Therapiemaßnahme, die allerdings nur unter stationären Bedingungen durchgeführt werden sollte. Bei technischer Beherrschung, adäquater Lokalanästhetika-Dosierung und Beachtung der hygienischen Belange kann das Risiko als vertretbar eingestuft werden. 
Wenn eine Periduralblockade technisch schwer oder nicht durchführbar ist (z.B. bei Mißbildungen, Zustand nach operativer Wirbelsäulenversteifung usw.), bietet sich besonders bei Störungen im Bereich des Plexus sacralis
(= Nervengeflecht im Bereich des Kreuzbeins) die sog. Kaudalanästhesie (= rückenmarknahe Betäubung durch einen Kanal im Kreuzbein hindurch) an, die auch mit Katheter* möglich ist, sofern dieser wegen der der Gefahr einer
En tzündung seitlich unter der Haut mittels einer Untertunnelung weggeführt wird. Erhöht man die Menge des örtlichen Betäubungsmittels (z.B. 20-25ml Bupivacain 0,1 bis 0,15 %) kann auch der obere Lendenbereich erreicht werden. 
Statt mit einem örtlichen Betäubungsmittel können die aufgeführten, rückenmarknahen Blockaden auch mit einer verdünnten Morphin-Lösung durchgeführt werden, allerdings ist dabei die oft zu beobachtende, über die Behandlungszeit hinaus anhaltende Wirkung deutlich weniger ausgeprägt. 
Bei sehr schweren und sonst kaum behandelbaren Rüc
kenschmerzen einschließlich Ausstrahlung in die Leisten oder Beine kann zur Durchführung rückenmarknaher Blockaden auch eine kleine Schmerzpumpe unter die Haut gepflanzt werden. Das Arzneimittelreservoir der Pumpe wird dann in bestimmten Zeitabständen durch die Haut hindurch mit Hilfe einer Spritze wieder aufgefüllt.

*   Bei der sog. kontinuierlichen Blockade mit Katheter wird der dünne Kunststoffschlauch dicht an Nervengeflechte bzw. den betroffenen Nerven eingepflanzt. Die Einpflanzung erfolgt durch eine handelsübliche Kanüle hindurch, es muß also nicht „aufgeschnitten“ werden. In der Folge wird über diesen Katheter mehrmals täglich, jeweils nach Abklingen der vorangegangenen Dosis, das örtliche Betäubungsmittel völlig schmerzlos nachgespritzt. In bestimmten Fällen kann zur Verabreichung des örtlichen Betäubungsmittel durch den Katheter hindurch auch eine kleine Pumpe angeschlossen werden. Das örtliche Betäubungsmittel wird bei dieser Behandlung so dosiert, dass die grobe Kraft erhalten bleibt (bei gleichzeitiger Hemmung der Schmerzreizleitung), damit begleitend krankengymnastische Übungsbehandlungen möglich bleiben. Dass die schmerzlindernde Wirkung i.d.R. über die eigentliche Behandlungszeit hinaus anhält, ist u.a. darauf zurückzuführen, daß bei dieser Blockadebehandlung auch die sog. vegetativen Nerven betroffen sind, woraus eine sehr deutliche Durchblutungssteigerung resultiert, die einer Schmerzentstehung im operationsbedingten Narbengewebe entgegen wirkt.

Physikalische Therapie beim Postdiskotomie-Syndrom:

Auch eine Elektrostimulation kann bei Rüc kenschmerzen eine Beschwerdelinderung herbeiführen. Die transkutane Nervenstimulation mit Niederfrequenzgenerator über Klebeelektroden (TENS) hat den Vorteil, daß sich die Patienten bei Bedarf selbst behandeln können. Die Elektroden werden paarig neben der Wir belsäule im Schmerzbereich aufgeklebt. Durch Veränderung der Stimulationsfrequenz und der Elektrodengröße kann die Wirkung optimiert werden. Die elektrische epidurale Rückenmarksstimulation erfordert eine strenge Patientenauswahl. 
Eine weitere physikalische Behandlungsmöglichkeit ist die oberflächliche Kältetherapie im Schmerzbereich. Wir verwenden einen elektrischen Kaltluftgenerator, dessen Luftstrom auf ca. -10 bis -15 Grad C abgekühlt ist. 
Manche Patienten mit einem Postdiskotomie-Syndrom (gilt auch allgemein für
Rüc kenschmerzen) empfinden allerdings lokale Wärmeapplikationen (Rotlicht) als besser wirksam. Warme Bäder können ebenfalls Kreuzschmerzen lindern. 
Die Verordnung von Massagen ist auch beim Postdiskotomie-Syndrom
nicht sinnvoll. Für den Patient mag diese Behandlung zwar angenehm sein, aber unter schmerztherapeutischem Aspekt bringt sie nichts und führt nur zu unnötigen Kosten.
Nahezu unverzichtbar ist aber bei
Rüc kenschmerzen die heilgymnastische Therapie (z.B. Rückenschule), da meist nur diese geeignet ist, einen ärztlichen Behandlungserfolg zu sichern und längerfristig zu stabilisieren. Dabei gilt es, die Mus kulatur neben der Wir belsäule zu trainieren, da auf Dauer nur eine kräftige/suffiziente Mus kulatur eine statische und dynamische Schwäche des Achsenorgans kompensieren kann.

Andere Therapiemaßnahmen beim Postdiskotomie-Syndrom:

Der Vollständigkeit halber darf die Akupunktur zur Behandlung chronischer Schmerzen nicht unerwähnt bleiben. Auch eine Magnetfeldtherapie kann hilfreich sein.
Wichtig sind individuelle Instruktionen zur richtigen Haltung und Vermeidung von übermäßigen Wirbelsäulenbelastungen (funktionelle Ergotherapie bzw. Rückenschule). Darüber hinaus ist anzustreben, daß die betroffenen Patienten Übungen zur Lockerung der
Mus kulatur erlernen. 
Die Verordnung von Hilfsmitteln wie z.B. stabilisierende Korsette sollten dem Orthopäden vorbehalten sein. 
Hypnoide
(= bewußtseinsverändernde) Verfahren wie autogenes Training oder progressive Relaxation nach Jakobson sind eine sinnvolle Ergänzung der Gesamtstrategie, da auch sie zu einer muskulären Entspannung führen, ebenso Biofeedback (= Registrierung und Rückmeldung bioelektrischer Signale).
Psychotherapeutische Interventionen
(psychologische Schmerzbehandlung) können beim ausgeprägten „Psychosomatischen Schmerz“ angezeigt sein, da auch verdrängte Konflikte muskuläre Verspannungen und Schmerzen verstärken können.

Bei einem längerfristig bestehenden Postdiskotomie-Syndrom ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen.

   

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Links zu empfehlenswerten Einrichtungen:

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